Seckmauern. Verbindungen vom evangelischen Gemeindehaus in Seckmauern zum britischen Geheimdienst, konkret zum Agenten 007: Bond, James Bond. Das klingt abstrus. Und doch gibt es eine direkte Linie. Wie die verläuft, dazu später.
Gewiss, James Bond ist Fiktion. Aber der Charakter hat einen Stammplatz im kulturellen Gedächtnis. Manche Zitate ("geschüttelt, nicht gerührt") sind legendär. Und insbesondere der James-Bond-Film 'Goldfinger' (1965) mit Sean Connery und Gert Fröbe in den Hauptrollen hat einprägsame Momente hinterlassen. Als eine der berühmtesten Szenen der gesamten Filmgeschichte gilt eine durch einen Feingoldüberzug getötete junge Frau. Ermordet worden ist sie im Auftrag Auric Goldfingers, eines größenwahnsinnigen Schurken, der auch den Tod Zehntausender in Kauf nähme, wenn es seinen Interessen dient.
"Es war halt schon immer da"
Szenenwechsel, Schwenk in den Odenwald: Im evangelischen Gemeindehaus in Seckmauern gibt es ein Bleiglasfenster, künstlerisch gestaltet mit zwei biblischen Motiven. "Für viele war es halt schon immer da und gehört dazu", sagt Roland Sattler, passionierter Heimatforscher und Archivar der evangelischen Kirchengemeinde Seckmauern. Aber die Geschichte hinter dem Fenster, die Sattler recherchiert hat, ist mehr als spannend, und das fügt sich ja irgendwie zu Bond. "Stifter unseres schönen Fensters war der Vater von Mister Goldfinger", weiß Sattler. - Wie das? "Gestiftet von Charles Engelhard. Er weilte in Seckmauern Anno 1878-1879", steht auf dem Fenster links unten. Karl Engelhard, ein gebürtiger Hanauer, verbrachte als Elf-, Zwölfjähriger ein Jahr in Seckmauern. Er kränkelte, die Landluft sollte ihn stärken. "Er war durch Verbindungen zum damaligen Pfarrer Seeger hierher gelangt", erklärt Archivar Roland Sattler. Und der Aufenthalt muss dem Jungen wohlgetan haben, mit Anfang 20 ging er als Repräsentant des Hanauer Heraeus-Konzerns in die USA, nannte sich Charles, und sein Aufstieg begann. Er baute einen großen Edelmetall-Konzern auf und hinterließ bei seinem Tod 1950 seinem einzigen Sohn Charles W. Engelhard Junior 20 Millionen Dollar Vermögen.
Seine Heimat vergaß er indessen nie, förderte vor allem die Stadt Hanau, sandte nach dem Krieg Care-Pakete dorthin und wurde zum Ehrenbürger ernannt. Aber auch den für ihn offenbar sehr hilfreichen und förderlichen Aufenthalt in Seckmauern behielt er in dankbarer Erinnerung. Und stiftete deswegen 1926 das Glasfenster fürs neue Gemeindehaus, das zuvor Pfarrscheune gewesen war - vor genau 100 Jahren. Fünf Jahre zuvor, auch das hat Lokalhistoriker Sattler herausgefunden, hatte Engelhard bereits eine Glocke für die Kirchengemeinde bezahlt. Was aus ihr geworden ist, bedarf noch weiterer Nachforschungen.
Ausgeklügelte Schmuggelmethoden
Sohn Charles W. Engelhard Junior nun war, dafür gibt es zahlreiche Belege, das Vorbild für Bond-Autor Ian Flemings Figur 'Goldfinger'; nachgewiesen ist auch, dass die beiden sich kannten. Vieles aus der Biografie Engelhards ließ Fleming in diesen Charakter einfließen, so etwa ausgeklügelte Schmuggelmethoden für Edelmetalle, die Goldbesessenheit sowie den luxuriösen Lebensstil des superreichen Schwergewichtigen, der unter anderem 250 Pferde besaß. Engelhard selbst muss diese 'Verarbeitung' gefallen, vielleicht gar geschmeichelt haben, er erschien auf einer Party mal als Auric Goldfinger. Durchaus wird er auch als Wohltäter beschrieben, aber das scheint in seiner Biografie mehr Nebensache, Zugabe gewesen zu sein. Er verzwölffachte das ererbte Vermögen und hinterließ, als er 54-jährig an einer Herzattacke starb, seiner Witwe und fünf Töchtern 250 Millionen Dollar sowie das Firmen-Imperium, die Engelhard Corporation.
Den ganz großen Goldfinger-Coup aus Buch und Film - den Geheimagent James Bond selbstredend in letzter Sekunde (im Film endet der Bomben-Countdown bei '007') vereiteln kann - hatte Engelhard wohl nicht geplant; diese Handlung entstammt der Fantasie Flemings. Aber skrupellos war der schwerreiche Geschäftsmann laut Überlieferung allemal.
Gabe eines gläubigen Mannes
Ganz das Gegenteil sagt das Fenster aus, welches Vater Engelhard 1926 gestiftet hat. Die linke Seite zeigt den Barmherzigen Samariter, das Gleichnis schlechthin für Nächstenliebe. Auf der rechten Seite ist das Gleichnis vom Verlorenen Sohn dargestellt, Sinnbild der göttlichen und vergebenden Liebe, der Quelle aller Liebe überhaupt. Und Roland Sattler weiß auch, dass der Senior ein gläubiger Mann war. "Er stammte aus der holländisch-reformierten Kirche und beteiligte sich nach dem Krieg finanziell am Wiederaufbau der Wallonisch-Niederländischen Kirche in Hanau."
Fast noch interessanter als den Zusammenhang mit Geheimagent 007 findet der Heimatforscher die Geschichte des Fensters im Hinblick auf dessen künstlerische Gestaltung. Die Kunstmalerin Luise Kumpa stammte aus Darmstadt, wo sie 1869 als Tochter eines Zeichenlehrers geboren wurde. Nachdem sie selbst eine Zeitlang als Lehrerin gearbeitet hatte, zog sie Anfang des zwanzigsten Jahrhunderts nach München und wurde hier bei namhaften Lehrern dieser Zeit künstlerisch ausgebildet. Kumpa gehörte der legendären Schwabinger Künstlerszene an. Später lebte sie wieder in Darmstadt, wo sie beim Fliegerangriff am 11. September 1944 ausgebombt wurde. Danach kam sie zusammen mit ihrer Schwester im Odenwald unter, in Langenbrombach. Von dort muss ihr Weg weitergeführt haben an die Bergstraße, wo sie 1955 starb. - Auch sie war nach vorliegenden Zeugnissen gläubige Christin und hat wohl noch weitere Aufträge für Sakralkunst ausgeführt.
"Luise Kumpa war Schülerin des großen Expressionisten Hans Hofmann und später von Jan Thorn Prikker, der auch Glaskunst geschaffen hat", staunt Roland Sattler. "Und die Arbeit dieser Frau, von der sich heute kaum noch Spuren finden, fließt hier bei uns in ein kleines Dorf ein, das haut mich um". Auch die Art und Weise, wie Luise Kumpa die Figuren und ihr Handeln zeichnet, beeindruckt den Heimatforscher.
Viele Fragen bleiben
Vieles ist offen, die Quellenlage mager, bedauert Sattler. Wie kam der Auftrag zu Luise Kumpa? War Charles Engelhard Senior lediglich Geldgeber, oder nahm er auch Einfluss auf den Inhalt und die künstlerische Gestaltung des Fensters? Gibt es Spuren, die Luise Kumpa später im Odenwald hinterlassen hat? Roland Sattler hofft auf weitere Funde oder auch Hinweise.
Insgesamt seien solche Forschungsarbeiten heute sehr viel leichter und einfacher geworden, sagt er - wenn es denn die Quellen gibt. Wo Sattler Anfang der Achtzigerjahre vor riesigen, eigens angeforderten Bücherstapeln saß, in großen Bibliothekssälen, die Tempelhallen des Geistes glichen, sitzt er heute vor dem heimischen Computer und kann die Fühler in alle Richtungen ausstrecken. Internet und künstliche Intelligenz sind dabei wertvolle Assistenten.
"Es geht auf jeden Fall weiter", sagt Sattler, der auch Vorstandsmitglied des Heimat- und Geschichtsvereins Lützelbach ist. Er sei auf dem Weg. Und hofft, dass der noch nicht so bald endet.
Bernhard Bergmann
4.7.2026